zurück
...........................................
SONNTAG AKTUELL
07.Sept 2003

Toskanische Klangteppiche

-------------------------------------------------------------------

Die Italiener gehen in die Kirchen, um zu beten. Die Touristen gehen in die toskanischen Kirchen, weil sie eine Lektion in Sachen Kunstgeschichte möchten. Eine viel sinnlichere Erfahrung ist es aber, sich eine Kirche zu ersingen. Unterwegs auf einer Vokalexpedition in eigene und sakrale Klangräume.

 

Ach herrjeh. Aus kleinen Zweifeln werden große. War das wirklich eine gute Idee, zum Singen und Wandern in die Toskana zu fahren? Mit elf wildfremden Menschen eine Woche in einem abgeschiedenen Landhaus zu verbringen? Wohin kann ich da flüchten, wenn mir die gregorianischen Choräle zu den Ohren herauskommen, ich von Stimmbildung und Renaissancekirchen nichts mehr wissen will? Ich bin mir nicht auf einmal nicht mehr so sicher. Klar, hört sich das erst einmal verführerisch an, ein Landhaus mit Swimmingpool als Seminarort. Ach Toskana, du Sehnsuchtsland, du verlockendes, den vielen Alltagsseufzern Einhalt Gebietendes. Und warum sich nicht mal wieder mit der eigenen Stimme beschäftigen, Singen hat doch auch etwas befreiendes, den vielen Alltagsseufzern Einhalt Gebietendes. Und eigentlich ist es doch keine schlechte Idee, Kirchen einmal nicht nur anzuschauen, sondern sie mit der eigenen Stimme zum Klingen zu bringen. Im Prospekt hat sich das Programm der „Vokalexpedition Toskana“ – doch so gut angehört.  Warum denn jetzt diese Skepsis? Vielleicht ist es der Gedanke ans Vorsingen. Eigentlich will ich meine dünne Stimme doch lieber für mich behalten.

Ein Lob der Frauen: Vor allem sie trauen sich. Nur ein einziger Mann ist in unserem Kurs dabei. Aber das Vorsingen – allein bei der Vorstellung daran werden die Hände doch schon feucht. Sie dürfen trocken bleiben. Ute von Genat, unsere Kursleiterin, die uns eine so kurzweilige, anregende, gehaltvolle und heitere Woche beschert, lässt dieses angstbesetzte Ritual ganz einfach weg. Ihre Stimmlage kennt jede sowieso selbst, und so sprechen wir in der Vorstellungsrunde über unsere bisherigen „Gesangskarrieren“: Wer hat schon im Schülerchor gesungen, wer singt heute noch im Kirchenchor und wie sehen unsere kühnsten Sängerinnenträume aus? Einmal auf der Bühne stehen und die Arie der Königin der Nacht zum Besten geben, zum Beispiel.

Jedenfalls sind wir eine geübte Truppe. Ob Renate, die Lehrerin, Hannah, die Psychoanalytikerin, Ulrike, die Physiotherapeutin, Gisela, die Bankerin, Myriam, die Ingenieurin, oder Beatrice, die Kindergärtnerin: Alle singen im Chor oder haben lange Zeit darin gesungen. Ursula gleich in vier und einen davon leitet sogar selbst. Einen dreistimmigen Choral einfach mal vom Blatt absingen – für die Vokalexpediteusen kein Problem. Insofern ist der Unterricht am Morgen weniger auf das Einstudieren der Stücke ausgerichtet, die wir am Nachmittag in den verschiedenen Kirchen der Umgebung singen wollen. Nicht, dass der Kanon aus dem vierzehnten Jahrhundert auf Anhieb sitzt, im Gegenteil. Und wir brauchen auch ein paar Tage, bis sich das Engelsterzett aus dem „Elias“ von Felix Mendelsohn-Bartholdy so richtig ergreifend schön anhört. Wenn wir uns am Vormittag rund um das Klavier des Landhauses zusammenfinden, geht es aber vor allem um Stimmbildung.

Ute von Genat, unsere agile Kursleiterin, entspricht optisch ganz dem Klischee der Musiklehrerin: Klassischer Pagenkopf und randlose Brille. Umso unkonventioneller ist dafür ihre Auffassung von Stimmbildung: eine Angelegenheit des ganzen Körpers. Wir schwingen singend das Knie zum Ellebogen, wir intonieren auf- und absteigende Tonfolgen und jagen dabei durch den Raum, als würden wir Gerüchte in Umlauf bringen. Wir beugen uns zum Boden und bringen uns dabei in höchste Tonhöhen. Wir singen Vokale und lassen dabei die Zunge im Uhrzeigersinn um den Mund wandern. Wir schieben mit dem Finger die Nase nach oben, sehen aus wie Miss Piggy und haben so einen erweiterten Nasenraum, der unsere Stimmen besser klingen lässt. Wir ziehen die Ohren weg wie Mickey Mouse, auch diese Übung ändert den Klang.  Wir denken uns die Töne in den Himmel und auf die Erde – die Klangfarbe wird ätherischer, dann wieder voller. Wir werden auf Expedition geschickt – in unsere ureigenen Klangräume.

Gut, dass uns niemand dabei zuschaut. Den Haushund des Landgutes, der den Platz am Klavier so liebt, sind unsere Grimassen egal. Andere Zuschauer würden über unsere grotesk aussehenden Gesichtszüge beim Singen erschrecken. Uns ist nichts mehr peinlich. Wir haben gelernt, dass unsere Stimme viel mehr kann, als wir ihr je zugetraut hätten. „Da ist etwas in mir, das ist viel größer als ich je dachte, da gibt es eine Tiefe und eine Aussagekraft, die ich nie zulassen wollte.“ Dass wir diese Tiefe entdecken, hat uns Ute von Genat, die nicht nur Gesangslehrerin, sondern selbst auch Konzertsängerin ist, am Anfang unseres Kurses mit auf den Weg gegeben – ihr Sängertraum für uns.


Das Singen im lichtdurchfluteten Probenraum der einsamen Villa Gaia ist das eine, das Singen in einer öffentlichen Kirche etwas ganz anderes. Vokalexpedition heißt unser Kurs nicht umsonst – wir erfahren eben nicht nur unsere eigenen Klangräume, sondern die auch von toskanischen Kirchen. Erst einmal ohne Publikum. Die Kirche in Santa Fiora ist schlicht wie eine Scheune, hierher verirrt sich kaum ein Tourist. Jörg, unser kunstgeschichtsbeflissener Wanderführer, braucht nicht lang, um uns die Besonderheiten dieses Bauwerkes zu erklären. Wir ersingen sie uns. Mit einem Ohr oder mit der Stirn an die Wand gepresst, bringen wir das alte Gemäuer zum Klingen. Wie anders hört sich die Stimme von Beatrice an, wenn sie sich selbst nicht gut hört, weil sie ein Ohr an die Mauer drückt. Eine Kontrollverlust, der den Klang voller macht.

Die Kirche von Seggiano bekommen wir erst gar nicht zu Gesicht. Ute bindet uns am Eingang die Augen zu: Singend sollen wir die Architektur der Kuppelkirche erfahren. Eine Mutprobe, eine Grenzerfahrung. Klein sind die Schritte, vorsichtig tasten und trippeln wir uns vor, versuchen, am Hall unserer abzulesen, wie weit die nächste Mauer entfernt ist. Und dann die Meditation: Wir alle weben an einem Klangteppich, ein Ton wird in verschiedenen Vokalen gesungen. Dann machen sich einzelne Stimmen frei, wagen Ausflüge in andere Tonhöhen, schweben in anderen Sphären hinauf, doch alles bleibt in einer Harmonie. Ein frei improvisierter Engelschor. „Dass sich die Spiritualität der Kirchenräume auf den Gesang übertragt“ hat uns Jörg bei der Vorstellungsrunde gewünscht. Man muss kein religiöser Mensch sein, um diese Spiritualität zu erfahren.

In der Krypta der Abbadia San Salvatore aus dem achten Jahrhundert hört uns ein Mönch zu. In weißer Kutte und mit einem Hightech-Aufnahmegerät in der Hand. Wir singen ein Kirchenlied aus dem 20. Jahrhundert und lassen „den Stern des Abends“ leuchten. Die Krypta mit ihrem Säulenwald ist nicht sehr groß. Doch mit geschlossenen Augen wähnt man sich in einer Kathedrale, die von einem hundertstimmigen Chor gefüllt wird. Und dabei sind es doch nur ein Dutzend Laiensängerinnen auf Vokalexpedition. „Danke, vielen Danke, kommt wieder“, verabschiedet uns der Mönch. „Und wenn nicht: Wir sehen uns im Himmel wieder.“

Ach ja. In Pienza, dieser Renaissanceperle, die mit ihren kleinen Gässchen und unzähligen Souvenirlädchen ganz den Touristen ergeben ist, bekommen wir einen stummen Applaus von Japanern. Aber da sind wir sowieso schon ganz euphorisch: Die Wanderung zum Duomo Santa Maria Assunta war zwar anstrengend und heiß, hat uns aber die perfekte Toskana-Postkartenszenerie beschert: ein rotbraun und ocker leuchtende Landschaft in Wellen, Zypressen, die ihre Akzente in diese Wogen aus Erde und Stoppeln setzen, und hin und wieder ein herrschaftliches Landgut, das dem Auge ein Ziel gibt. Die freundliche Bewunderung des zufälligen Publikums scheint uns da schon fast selbstverständlich. Nur in der Klosterkirche von Sant’Antimo, als wir ein einziges Mal unser gesamtes Ziel Repertoire singen, uns extra dafür im Bus noch von der Wanderhose ins kleine Schwarze schwingen, da verlaufen sich die wenigen Zuhörer wieder, bevor wir fertig sind. Künstlerpech. Hobbykünstlerpech.

Die Tage gleichen sich. Ein Bad im Pool vor dem Frühstück, singen, ruhen, wandern, ein Cappuccino in einer kleinen Bar unterwegs, eine Kirche für Auge und Ohr und am Abend leckere toskanische Hausmannskost auf der Terrasse. Sämtliche Bedenken sind einer gehobenen Stimmung gewichen. Unsere Villa Gaia ist abgeschieden, ja gut, aber warum sollte man auch flüchten wollen. Besser in den Mußestunden dem unermüdlich rufenden Kuckuck lauschen oder dem Spiel des Windes in der Eichenkrone. Oder sich auf die frechen Witze von Renate beim Abendessen freuen. „Traumhaft schön“ ist eine der gebräuchlichsten Vokabeln beim Abendessen. Die Landschaft, die Musik, die Geselligkeit - alles kann damit gemeint sein. Böse Menschen haben keine Lieder. Wir haben viele, selbst am Abend singen wir noch mit albernen Kanons gegen die Zikaden und die Nachtigall an. Und schöner als unter dem funkelnden Nachthimmel der Südtoskana hat der „Stern des Abends“ selbst in der romanischen Hallenkirche von Sant’Antimo nicht geklungen.

Dorothee Schöpfer

 

INFO

 

Die einwöchige Reise „Vokalexpedition - Der Klang der Kirchen“ in die Toskana wurde mit dem Sonntag-Aktuell-Touristik-Preis ausgezeichnet. Sie findet in diesem Jahr noch vom 20. bis zum 27. September und vom 27 September bis zum 4.Oktober statt. Im Juni und im September 2004 sind die Termine für die nächsten Vokalexpeditionen. Eine Woche kostet inklusive Halbpension und Bustransfer zu den Ausgangspunkten der Wanderungen ab 845 Euro. Die Kurshäuser liegen im Süden der Toskana und in der Nähe von Arezzo.

 

Musica Viva bietet in der Toskana neben Gesangskursen auch Instrumentenkurse auf verschiedenen Niveaus für Gitarristen, Saxofonisten, Streicher und andere Hobbymusiker an. Auch in Deutschland gibt es diverse Kurse. Das weit gefächerte Programm ist erhältlich bei Musica Viva, Kirchenpfad 6, 65388 Schlangenbad, Telefon 06129 / 502560, Fax 06129 / 502561, im Internet unter www.musica-viva.de.